Warum sitzen wir hier im Dunkeln oder Halbdunkeln?
Ich habe von dir eine Anfrage bekommen vor zwei oder drei Wochen. Ich habe dir zurückgeschrieben, dass ich grundsätzlich sehr interessiert wäre, aber im Moment lieber ohne mein Gesicht auftreten möchte. Mir ist bewusst, dass dabei ein riesiger Teil vom Charakter und vom authentischen Auftreten verloren geht. Und trotzdem sitzen wir jetzt zusammen, und ich freue mich riesig, mit dir über dieses Thema zu reden.
Kannst du mir ein bisschen von deiner Kindheit erzählen?
Wenn ich an meine Kindheit denke, sehe ich sehr viel blauen Himmel, draußen herumrennen, mit vielen Leuten Verstecken und Fußball spielen. Meine Kindheit war sehr geprägt von viel Aktion, von wilden Seiten, von viel Zeit mit Freunden unterwegs. Aber auch sehr viel zurückgezogen, beim Lesen. Ich habe mich in Fantasiewelten begraben, teilweise zwei oder drei Bücher gleichzeitig gelesen. Es gab eigentlich immer schon diese zwei Welten.
Du bist 29. Hast du Kinder? Bist du in einer Partnerschaft?
Ich habe keine Kinder. Ich habe eine sehr, sehr schöne Partnerschaft, für die ich total schwärme. Auf der einen Seite habe ich das Gefühl, ich habe die wahre Liebe echt gefunden. Und auf der anderen Seite passiert es mir regelmäßig, dass ich mich wieder irgendwo verknalle.
„Ich habe das ganze Kapitel Sexualität immer als Mysterium gefunden. Ich war da eher hilflos. Ich dachte, das muss man irgendwie können, das wird so erwartet."
Wie kam es dazu, dass du nebenberuflich als Callboy arbeitest?
Das hat eigentlich aus einer Faszination und einem Hobby begonnen. Ich habe das ganze Kapitel Sexualität immer als Mysterium gefunden. Ich war da eher hilflos. Ich dachte, das muss man irgendwie können, das wird so erwartet – insbesondere an mich als werdenden Mann. Ich fand es eine spannende Welt und habe mich schon jung in der Literatur orientiert. In der Bibliothek zum Beispiel, wo ich Bücher lesen konnte, die ich zu dem Zeitpunkt nicht hätte ausleihen dürfen.
Ich habe dann später einen ersten Kurs in erotischer Massage besucht, und das war so dieser Klick-Moment. Da wusste ich: Okay, das ist es. Ich habe mir vorgenommen, eines Tages möchte ich irgendwas in diese Richtung beruflich machen. Es sind dann viele Kurse dazugekommen, ein unglaublich breites Spektrum an Erfahrungen in Workshops, bis ich überhaupt den Mut hatte, zu denken: Was wäre, wenn ich das auch für Leute anbiete und Geld dafür nehme?
Kannst du dich noch an dein erstes Date erinnern?
Das erste Date, wo ich wirklich professionell als Callboy Geld genommen habe, war von einem Paar. Ein Ehepaar hat mich angefragt, und das war für mich eine echt spezielle Situation. Ich war vorher schon sehr lange mega nervös. Dann hat es gestartet, und ich kam so in den Fluss rein. Die innere Stimme hat gemerkt: Ja, jetzt läuft es, jetzt bin ich wirklich in der Kraft. Das hat mir total viel Ruhe gegeben. Zu merken: Das, was sie sich wünschen, das kann ich offensichtlich anbieten. Und: Hey, das ist wirklich auch Geld wert!
Was wird so gewünscht von deinen Kundinnen und Kunden?
Das ist eine sehr breite Palette – ich muss aber auch sagen, ich biete eine sehr breite Palette an. Ich tanze sehr, sehr gerne: Salsa, Bachata, Kizomba, die Standardtänze. Massagen sind ein großer Teil, aber auch BDSM. Menschen, die Fesselspiele im erotischen Kontext toll finden oder ausprobieren möchten. Ich habe Anfragen von Leuten mit Fußfetisch, Schuhfetisch und ähnlichen Vorlieben. Oder auch Escort, wo es darum geht, vor allem für jemanden da zu sein und einen sicheren Rahmen zu bieten, um die Sexualität zu erkunden.
Welche Art von Personen triffst du an?
Gerade als Mann in dieser Branche gibt es dieses Klischee von einer reiferen Dame, die sehr viel Geld übrig hat und sich einen jungen Mann anlacht. Tatsächlich habe ich das selten erlebt. Leute kommen auf mich zu aus allen Ebenen, aus allen Schichten, von allen Geschlechtsidentitäten. Ich hatte Leute Mitte 20, die auf mich zugekommen sind, weil sie einige Vorlieben ausprobieren möchten. Auch junge Männer, die unsicher sind: Wie viel Nähe zu Männern möchten sie haben? Was fühlt sich gut an?
„Es geht ja überhaupt nicht um mich. In dem Moment geht es darum: Was möchte mein Gegenüber? Was möchte mein Gast? Was bietet dieser Person Lust?"
Für den sexuellen Akt braucht es eine Erektion. Hilfst du da manchmal nach?
Das ist eine sehr tricky Frage. Gerade bei Männern gibt es oft diese Leistungserwartung. Ich glaube, da haben wir ein sehr unterschiedliches Bild, was Männlichkeit angeht. Ich habe sehr, sehr guten Sex, auch wenn die Erektion mal nicht funktioniert. Es geht ja überhaupt nicht um mich. In dem Moment geht es darum: Was möchte mein Gegenüber? Was bietet dieser Person Lust? Die Erektion ist normalerweise der kleinste Teil. Bei meinen ersten Bookings habe ich immer auch ein Potenzmittel mitgeführt und habe ziemlich schnell gemerkt: Das ist normalerweise nicht das, was gewünscht wird. Viel mehr geht es um Kreativität, auf jemanden eingehen können, die Signale im Körper lesen.
Welches Erlebnis ist dir besonders geblieben?
Es ist vor allem die Bandbreite an Anfragen. Meine persönliche Neugier ist da echt an der Quelle. Ich habe selber ein unglaublich kreatives, erfüllendes Sexualleben. Und dann kommen Leute mit komplett anderen Ideen, wo ich merke: Das hätte ich privat nie gemacht, aber hey, lass uns das ausprobieren!
Ein Beispiel war vor zwei Wochen: Eine Frau, die sehr gerne tanzt, kam zu mir nach Hause. Wir haben das Wohnzimmer in einen Salsa-Club umgebaut. Wir haben die längste Zeit getanzt, die Nähe wurde immer intensiver. Irgendwann habe ich die Playlist gewechselt – von Salsa zu einer Massage-Playlist. Das Tanzen wurde immer erotischer, bis wir in ein sehr erotisches Erlebnis reingegangen sind. Die Kleider sind langsam beim Tanzen abgefallen. Ein sehr spielerischer Abend.
Dann gibt es wieder sehr direkte, klare Fantasien. Ich wurde für eine Fantasie angefragt, die wir ziemlich nach Drehbuch umgesetzt haben. Ich bin in die Wohnung reingekommen, das Geld lag auf dem Tisch, er saß auf dem Sofa. Ich habe ihm etwa eine Stunde zugeschaut, wie er sich selbst befriedigt. Das war auch so ein Moment, den ich mir wahrscheinlich nicht hätte vorstellen können.
Weiß deine Partnerin Bescheid über deinen Job?
Sie weiß, was ich mache. Ich habe ihr das tatsächlich beim ersten Kennenlernen erzählt. Als ich ihr gesagt habe: „Hey, ich möchte als Callboy starten", war ihre erste Reaktion: „Ah, das wusste ich!" Sie war nur überrascht, dass es jetzt schon kam. Sie dachte, da wären noch ein, zwei Jahre mehr. Wir sind komplett transparent in der Beziehung. Soweit es der Persönlichkeitsschutz zulässt, erzähle ich ihr sehr gerne meine Seite der Geschichte.
Wie schützt du dich emotional?
Ich schütze mich eigentlich gar nicht vor diesen Gefühlen, sondern ich weiß, was ich möchte. Wie ich am Anfang gesagt habe: Ich bin immer mal wieder verknallt. Ich kann da rein, und mein Leben funktioniert weiter. Das hat keinen Einfluss auf die Beziehung, weil ich weiß, dass ich da alles habe.
„Ich lag danach zu Hause im Bett und dachte: Genau deshalb ist das mein Traumjob."
Was braucht es, damit du öffentlich darüber reden könntest?
Das ist eine echt schwierige Frage. Ich sehe da verschiedene Ebenen. Die Gesellschaft in der Schweiz ist im Moment sehr am Öffnen. Auf der anderen Seite sehe ich im Rahmen der Gesetze immer wieder mehr Einschränkungen – Banken und Versicherungen haben ihre Zweifel, es gibt Schwierigkeiten mit der Steuerbehörde. Dieser Arbeit werden relativ viele große Steine in den Weg gelegt.
Fühlst du dich vom System unfair behandelt?
Ganz klar, ja. Als ich herausgefunden habe, dass die Einreisebeschränkungen in den USA für Menschen mit Vergangenheit in der Sexarbeit relativ hart reinhauen. Zwei Wochen Familie besuchen in den USA – das ist eine illegale Aktivität. Du hast einen Hintergrund in der Sexarbeit, dieses Land ist jetzt zu.
Ich fühle mich da sehr eingeengt, weil ich oftmals mit Nachbarn oder Arbeitskollegen in meinem Tagesjob nicht über meine Hobbys, über die Dinge, die mich wirklich bereichern, die mich ausmachen, reden kann. Das finde ich schwierig. Da würde ich mir wünschen, dass das anders wäre.
Was bedeutet Freiheit für dich?
Ich bin vor Kurzem auf eine Aussage gestoßen: Frei ist man dann, wenn man das tut, was man möchte, wenn Geld keine Rolle spielen würde. Und ich bin an einigen Bereichen da sehr nah dran. Ich fühle mich frei zu tun, was mir Freude bereitet. Ich fühle mich frei zu tun, wo ich merke: Da ist Energie da, das bereichert mich im Leben.
Hast du Pläne für die Zukunft?
Ich habe über mein ganzes Leben immer wieder tausend Pläne geschmiedet. Ich bin jetzt an dem Punkt: Ich habe so wenig Pläne wie noch nie. Ich lebe die Pläne im Moment ziemlich stark, ich bin an dieser Quelle dran, was mir gut tut. Es zeigen sich sehr viele Optionen, wo man vorher noch gar nicht dran gedacht hätte. Ich gehe da mit einem sehr guten Gewissen rein und einer Neugierde. Ich möchte mich ständig weiterbilden, und was da noch alles kommt, das wird sich zeigen.
